Archiv der Kategorie 'stay away from politics'

l‘art pour la farce

wenn man eine uni wie die hiesige besucht und in ein netzwerk internationaler studierender eingebunden ist, die versuchen so viel wie moeglich aus ihrem aufenthalt hier heraus zu holen, dann wird man auf sehr viele „events“ aufmerksam. nach langen ueberlegungen (meistens: hab ich was anderes vor) entschliesst man sich dann hinzugehen oder halt nicht. nun stand neulich florian henckel von donnersmarck auf der gaesteliste des „german departments“. veranstaltungen des german dpartments haben den vorteil, dass man mit essen und allerlei aufmerksamkeit bedacht wird, wenn man sie besucht. da ich irrtuemlicherweise, keine sau weiss warum, den namen mit „herr lehmann“ in verbindung gebracht hatte, entschloss ich mich also, mir die veranstaltung anzusehen.
publikum ganz nett, cookies lecker, falscher film auf der leinwand: das leben der anderen.
mein mitbesucher ueberredete mich dennoch zum bleiben: ich kenn den, der ist ziemlich intelligent und der kann doch nichts fuer seine rezensenten… da ich mich der debatte um den film weitestgehend entzogen hatte, entschloss ich mich dann auch tatsaechlich seinem vortrag zu lauschen. etwas grobschlaechtig aber gewinnend laechelnd bestieg der star des tages das podium und berichtete von seinen amazing erfahrungen rund um die oscar verleihung. aber dann. die fragen aus dem publikum gutgemeint. die antworten auch. und gemeinsam entfalteten sie ein atemberaubendes schauspiel einer denkfigur die man postnoltismus nennen sollte. nach stunden der hoehepunkt:
kann man die stasi mit der gestapo vergleichen?
nein, ich denke nicht (sehr gut! jubelt mein innerer zuhoerer, doch nicht alles verloren!). hoechstens insofern, dass es zwei geheimpolizeiapperate waren, die nicht verstanden haben, wie eine demokratie funktioniert (ratlosigkeit des inneren beobachters. woher will er das denn wissen? weil anders als beim bnd der oertliche ermittler nicht direkt gewaehlt wird?). aber jeder weitergehende vergleich muss notwendig scheitern, oder die stasi als eine art niedliche gestapo darstellen (auch wenn ich stark bezweifle, das die stasi niedlich war, aber prinzipiell ja nicht falsch, nur ziemlich ungluecklich ausgedrueckt). die beiden haben voellig unterschiedlich gearbeitet. die gestapo hat knochen gebrochen, die stasi seelen. dass muss man deutlich machen, um die spezifische grausamkeit der stasi zu verdeutlichen. ich persoenlich glaube, dass es weitaus schlimmer ist, dem menschen die seele zu brechen als die knochen (bumms. innerer betrachter tot).
das ganze war, sonst geht das ja nicht, in eine lange erzaehlung ueber wissenschaftliche untersuchungen zu dem thema eingebettet. und mit einer unglaublichen penetranz wurde jedes mal aufs neue deutlich, das sdie entscheidung nicht auf tatsachen angewiesen ist: in jedem vergleich wurde deutlich, dass die stasi eben nicht die kleine gestapo war, dass dieser vergleich einfach sinnlos ist, weil er die grauen des nationalsozialismus verharmlost oder am gegenstand vorbeigeht. und am ende steht die unausgesprochene feststellung: eigentlich war die stasi schlimmer. nolte hat wenigstens noch die toten gezaehlt.
die beschwichtigung meines begleiters: geniess doch den film, er ist halt ein kuenstler… hat das wort kuenstler in meiner persoenlichen beleidigungshitlist ein paar raenge nach oben katapultiert. ich habe mir den film nichtmehr angesehen.

aufstand im schlaraffenland

gestern hab ich ganz kurz schlechte laune gehabt und im internet bilder wie das folgende angeguckt:

so mit: was mach ich eigentlich hier. dann hab ich mich auf einen kaffee getroffen und gluecklicherweise wurde mich geholfen (frei nach v.feldbusch). denn: genau hier gehoere ich hin. in die stadt in der die drehbuchautoren streiken. die volle poetische sprengkraft dieses satzes erschliesst sich vielleicht nicht jedem. aber die hoehen und tiefen des american dream die los angeles nun mal selber IST, fallen in diesem satz so sehr in eins, das es zu schade waere, ihn weiter zu erlaeutern.

der sprecher fasste sehr schoen zusammen: maybe we can‘t take your sleep. but we can take your dreams. we write them. geil, das nenn ich mal klassenbewusstsein: alle traeume stehen still, wenn dein starker arm es will. verstaerkung gibt es von unseren serienhelden. ryan aus „the oc“ findet es furchtbar ungerecht, das nicht alle soviel verdienen wie er.

ich auch. meredith aus „greys anatomy“ ist was sie immer ist. betroffen. und hat keine angst auszusprechen, was sie nicht versteht: alles.

„ich finde es voll nicht so gut das leute sachen aus dem internet runterladen. das ist falsch“.
noch besser ist allerdings, das die mensabeschaeftigten der wirtschaftswissenschaftlichen fakultaet in den solidaritaetsstreik treten wollen. was von meinem dozenten mit dem lapidaren satz kommentiert wurde: i didn‘t want to work in the faculty anyway. maybe i should retire next week. i have this book to write: „deconstructing adam, making smith a philosopher again“
was ein weiterer grund ist hier zu sein.

w. benjamin goes prosa

„Turned wrong way round, the relentless unforeseen was what we schoolchildren studied as „History“, harmless history, where everything unexpected in its own time is chronicled on the page as inevitable. The terror of the unforeseen is what the science of history hides, turning a disaster into an epic.“

und das ist nur einer der zahlreichen schoenen und wichtigen passagen aus philip roths „the plot against america“ (fuer den weniger anglophilen leser auch unter dem titel „verschwoerung gegen amerika“ erhaeltlich). muss gelesen werden, muss verschenkt werden, muss teil jeden gutsortierten buecherregals sein.

gruende das fruehstueck wieder loszuwerden

gibt es ja nun des oefteren, wenn man in die zeitungen dieser welt blickt, da ich nun aber ohnehin nicht mehr als einen kaffee fruehstuecke seit ich hier bin, muss man sich da ja keine sorgen machen. sorgen muss man sich allerdings trotzdem. und zwar um jena. jena ist eine kleine stadt in einer wirtschaftlich zurueckgebliebenen region im suedosten dieses landes und jena hat ein ernsthaftes rassismusproblem. ein skandal der seinen ausgang in dieser kleinen stadt genommen hat und auf der anderen seite des atlantiks kaum beachtung findet ist der skandal um die sogenannten „jena six“ –
alles begann mit einem baum, unter dem die weissen besucher der oertlichen highschool ihre „back in school“ party feiern wollten. nun waren im sommer aber african americans unter diesem baum. am naechsten morgen hingen schlingen am baum. waehrend die schule das als „prank“ bezeichnete und die verantwortlichen schon nach drei tagen wieder zur schule zuliess, stiess dieser „lustige streich“ bei der farbigen bevoelkerung dieses staedtchens in lousiana auf weniger gelaechter. in den folgenden wochen kam es des oefteren zu reibereien und poebeleien, bis sechs augenscheinlich nichtweisse einen weissen verlatzten, der sich ueber die lynchjustiz der 50er amuesiert hatte. blaues auge, zahn locker und rippe geprellt. anklage: versuchter mord.
nach massenprotesten und aeusserungen von prominenten und so weiter und so fort – hat sich eigentlich wenig getan, ausser das jetzt nichtmehr wegen versuchtem mord sondern wegen abgebrochenen todschlags ermittelt wird, was die angeklagten zumindest offiziell ueberleben wuerden, wenn sie verurteilt wuerden, aber sonnenlicht waere auf tendenz lebenszeit trotzdem nicht drin. und das ist wirklich ekelig. wer jetzt dringend was unternehmen muss, sollte internetpetitionen unterschreiben, es gibt derer zahlreiche.
sehr spannend uebrigens auch die reaktion des staedtchens auf die grossdemonstration letzte woche (wie immer im osten, also im anderen – siehe wurtzen bis muegeln). und fast schon orginell die polizei: veranstalter sprechen von 50000 teilnehmern, polizei sagt: zu viele um sie zu zaehlen. auch mal ne ansage.
ps: den text hab ich letzte woche geschrieben. inzwischen ist der letzte auf kaution raus – aendern tut das allerdings wenig und die meisten kampagnen laufen weiter…